Mit der Diätologin Andrea Zarfl habe ich darüber gesprochen, was es bedeutet, intuitiv zu essen und warum Kinder oft besser darin sind als Erwachsene. Außerdem haben wir uns darüber unterhalten, wie wir mit der phasenweise einseitigen Ernährung unserer  Kinder umgehen können.

Im ersten Teil ging es um die Grundlagen der intuitiven Ernährung und die ersten Ess-Erfahrungen im Beikost-Alter. In Teil zwei haben wir uns unter Anderem der Frage gewidmet, warum der Bauch manchmal noch Platz für ein Stück Kuchen hat, wenn das Gemüse nicht mehr hineinpassen will. Im dritten Teil ist der Konsum von Süßigkeiten Thema und in Teil 4 gebe ich praktische Kochtipps für eine abwechslungsreiche und gesunde Familienküche.

 

Theresa: Liebe Andrea, ich würde gerne noch mit dir darüber sprechen, wie Eltern ihren Kindern einen gesunden Umgang mit Süßem mitgeben können. Auch wenn es sicher nicht den einen richtigen Weg gibt und es sehr individuell ist, wie man das Thema in der eigenen Familie handhaben möchte.

Starten wir mit einer Frage, die mir eine Mutter vor unserem Gespräch zukommen hat lassen: Gibt es eine Zuckersucht?

Andrea: Sehr gerne. Ich tue mir schwer, im Ernährungskontext von Sucht zu sprechen, weil wir im Endeffekt jedes Lebensmittel auf Nährstoffe herunterbrechen können. Ich denke, es ist jedem von uns bekannt, dass unser Körper die drei großen Hauptnährstoffe Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße zum Leben braucht. Zucker ist für den Körper als Kohlenhydrat die primäre Energiequelle. Schon alleine deshalb können wir nicht von einer „Zucker-Sucht“ sprechen.

 

Kann man aber sagen, dass starke Blutzuckerschwankungen zu einem sucht-ähnlichen Zustand führen können?

Wenn unser Körper viel schnelle Kohlenhydrate – in Form von Zucker oder Süßigkeiten – bekommt, steigt unser Blutzuckerspiegel schnell an und der Körper bringt ihn dann relativ schnell wieder zu Fall. Wenn vor dem Süßigkeiten-Konsum außerdem die ausgewogene Mahlzeit gefehlt hat, kann es sein, dass der Körper dann immer wieder so ein „Zuckerhoch“ möchte. Dadurch entsteht quasi ein physiologisches „Blutzucker-Ping-Pong“, denn im Endeffekt sind wir über unsere Stoffwechselprozesse gesteuert.

Vielleicht noch ein Thema, das für viele Eltern relevant sein könnte: wir wissen auch, dass der Körper bei Schlafmangel diese schnellen Kohlenhydrate, meist in Form von Süßigkeiten, präferiert. Schlafmangel kann sowohl bei Erwachsenen, aber auch bei Kindern, z.B. durch hohen Medienkonsum am Abend bzw. das Ausbleiben der Erholungsphase, eine Rolle spielen.

 

Zusammenfassend kann man also sagen, dass einerseits die Menge an Süßigkeiten, die regelmäßig konsumiert wird, eine Rolle spielt, weil das Verlangen immer wieder getriggert wird. Andererseits ist der Süßigkeiten-Konsum auch von der Basis-Ernährung abhängig. Das heißt, wie ausgewogenen und regelmäßig die Mahlzeiten sind.

Genau. Ein häufiges Missverständnis bezüglich intuitiver Ernährung ist, dass man gar keine Regeln hat und einfach nur auf den Körper hören soll. Und dass man damit auch dem Verlangen nach Süßigkeiten jederzeit und ohne Einschränkungen nachkommen soll.

Das will das Prinzip der intuitiven Ernährung allerdings nicht vermitteln. Denn es geht sehr wohl darum, dass die Basisernährung ausgewogen ist und der Nährstoffbedarf des Körpers gedeckt ist.

 

Das heißt, es wäre ein guter Ansatz, die Gewohnheiten der Familie generell unter die Lupe zu nehmen…

Richtig. Man kann sich ansehen, was man dem Kind den ganzen Tag über anbietet, wie das Frühstück aussieht und wie das Mittagessen und die Zwischenmahlzeiten gestaltet werden.

Und wir sind wieder bei der Vorbildfunktion. Denn es geht sicher auch darum, wie die Eltern mit dem Thema Süßigkeiten umgehen.

 

Eine Frage, die mich erreicht hat war, ob man den Konsum von Süßigkeiten reglementieren sollte oder ob ein freier Zugang für Kinder besser ist. Wie siehst du das?

Ich halte einerseits nichts davon, Süßigkeiten einzusperren, sodass das Kind selbst gar nicht daran kommt. Andererseits muss das auch nicht heißen, dass überall Süßigkeiten herumliegen und einen das Süße einen an jeder Ecke förmlich „anspringt“. Ich denke, ein sehr neutraler Umgang ist ein guter Weg. Also weder das eine Extrem noch das andere.

Und, wie du bereits gesagt hast, man müsste wirklich auch immer hinterfragen, wie mit dem Thema Zucker und Süßigkeiten in der Familie generell umgegangen wird. Werden sie im Rahmen einer Belohnungsstrategie eingesetzt, gibt es „verbotene“ Lebensmittel… Vielleicht erlegen sich die Eltern auch selbst gewisse Regeln („Ich darf nicht, ich soll nicht“) auf oder naschen heimlich, weil sie ein schlechtes Gewissen dabei haben.

 

Lebensmittel, die man nur selten essen darf, sind ja meistens auch besonders interessant, oder?

Ja, und genau das ist der Punkt. Genau da beginnt nämlich eine Wertung der Lebensmittel. Und wenn das Süße etwas Besonderes ist, stellt sich die Frage: Warum ist es besonders? Besonders ist es, weil es als ungesund deklariert wird oder weil es als Belohnung eingesetzt wird. Genau das sorgt aber dafür, dass wir diese „verbotenen“ Lebensmittel nicht aus dem Kopf bekommen und uns vielleicht schwer damit tun, wenig oder selten davon zu essen.

Was hilft ist, alle Lebensmittel neutral zu betrachten. Tatsächlich macht es gar keinen Sinn, Lebensmittel in „gut“ und „böse“ einzuteilen. Denn kein Lebensmittel auf dieser Welt kann uns alle lebensnotwendigen Stoffe liefern. Das heißt, wir müssen von allem konsumieren, um gesund zu sein und um unserem Organismus alles bieten zu können.

 

Wir haben noch ein plakatives Beispiel für die Kommunikation rund um Süßigkeiten mitgebracht. Der Sommer steht vor der Türe und damit auch die „Eis-Zeit“. Ich glaube, wir können ganz pauschal sagen: Kinder lieben Eis. Und gerade, wenn es im Sommer sehr heiß ist, wünscht man sich täglich eine Erfrischung. Ich lagere für heiße Tage regelmäßig selbstgemachte Eis-Schlecker ohne Zucker ein, denn bei einem klassischen Eis jeden Tag würde man doch auf einen beträchtlichen Zuckerkonsum kommen. Und, man glaubt es kaum, aber das zuckerfreie Eis kommt tatsächlich super an bei den Kindern. Zugleich liefern die Eis-Schlecker auf Pflanzenmilch-Basis beispielsweise viel Flüssigkeit, was an heißen Tagen sowieso das Wichtigste ist. Für den täglichen Konsum ist die zuckerfreie Variante mit natürlicher Süße also eine gute Alternative. Die Kinder können außerdem bei der Zubereitung dabei sein und sehen, welche Zutaten es braucht, um Eis selbst zu machen. Das alleine kann spannend sein und macht das Eis besonders. Dennoch ist es wichtig, hier wiederum keine Wertung vorzunehmen, richtig?

Absolut! Es soll nicht im Vordergrund stehen, dass das selbstgemachte Eis die gesunde und das klassische Eis die ungesunde Variante ist. Sondern der Spaß am Selbermachen und der Genuss des leckeren Eis. Das eine Eis ist toll, weil man es zu Hause gemeinsam selbst gemacht hat. Und das andere, weil man es vielleicht mit einem Ausflug zur Eisdiele verbindet. Beides ist ok.

 

„Wir essen es, weil es lecker, erfrischend und cool – weil selbstgemacht – ist.“

 

Unser Fazit: Es gibt keine „bösen“ Lebensmittel“. Ein achtsamer Umgang mit unseren Essgewohnheiten sowie eine bewusste Zusammenstellung unserer Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten ermöglichen eine genussvolle, gesunde Ernährung.

 

Gesundes Bauchgefühl – alle Teile im Überblick:

Teil 1: Was wir von Kindern über intuitive Ernährung lernen können. Und warum wir sorgenfrei auf ihr Bauchgefühl vertrauen dürfen.

Teil 2: Gesundes Bauchgefühl: Über Vorbilder und den „Augenhunger“

Teil 3: Gesundes Bauchgefühl …und die Süßigkeiten

Teil 4: Gesundes Bauchgefühl …und der Kochalltag: Praktische Tipps für die gesunde Familienküche mit kleinen (und wählerischen) Essern

 

Über Andrea Zarfl:

Andrea Zarfl ist Diätologin und Expertin für intuitives Essen. Sie ist davon überzeugt, dass Essen in erster Linie Freude bereiten soll und keine Schuldgefühle verursachen darf. Stress oder schlechtes Gewissen haben bei Tisch keinen Platz. Neben ihrer Passion anderen Frauen auf ihrem Weg in Richtung intuitive Ernährung zu begleiten, kreiert sie aus Leidenschaft neue Rezepte, die sowohl Körper als auch Seele guttun. Weil sie außerdem der Meinung ist „Wissen ist Macht“, erscheinen auf ihrer Webseite neben den Rezepten regelmäßig Artikel über Gesundheit, Stoffwechsel und intuitive Ernährung – damit zukünftig jeder selbst die vielen Falschaussagen im Bereich Ernährung und Gesundheit entlarven kann. Weitere Infos und Tipps von Andrea findest du auf ihrem Instagram Account @dietitian.andrea

 

Über Theresa Culligan:

Als Ernährungstrainerin, Mutter und Gründerin von AUSGEWOGENgut ist mir die alltagstaugliche gesunde Familienküche ein besonderes Anliegen. Dazu gehören für mich neben Anregungen zur Lebensmittelauswahl auch Tipps für zeitsparendes Kochen sowie die Entwicklung gesunder und zugleich schmackhafter Rezepte, die Eltern und Kinder glücklich machen. Mit meinem Blog gebe ich wissenschaftlich fundiertes Wissen wie auch Erfahrungen weiter, die dabei helfen sollen, eine gesunde Ernährung praxistauglich im Alltag mit Kindern umzusetzen. Weiters gebe ich mein Wissen rund um eine gesundheitsfördernde Ernährung in Form von Vorträgen und Workshops weiter und biete Online-Angebote wie das Wochenplan-Abo mit gesunden Blitzrezepten für Groß und Klein an. Einen Überblick über alle aktuellen Angebote gibt es hier >>

 

 

Sämtliche Anregungen ersetzen keine individuelle Ernährungsberatung und dürfen keinesfalls als persönliche, ernährungsmedizinische Empfehlung betrachtet werden.